Die Nagelprobe

Eine falsche Oligarchin brachte Österreichs Vizekanzler zu Fall.

 

Aber wie muss man heute eigentlich aussehen, um als superreiche Russin durchzugehen?                    Von Silke Wichert. 25. Mai 2019

Stehen zwei neureiche Russen im Aufzug und merken, dass sie die gleiche Designerkrawatte tragen. “Dafür habe ich 500 Euro hingelegt”, prahlt der eine. Der andere bricht in schallendes Gelächter aus. “Du Idiot! Ich hab 1000 bezahlt!”

Der Witz ist uralt, aber zumindest in bestimmten Kreisen Österreichs offensichtlich hochaktuell. Im sogenannten Ibiza-Video sagt Johann Gudenus, die rechte Hand von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, die vermeintliche Oligarchen-Nichte sei bereit, “das Fünffache!” des eigentlichen Preises für ein Grundstück zu bezahlen. Subtext: Wer so irre ist, muss wirklich irrsinnig reich sein. Oder eben nicht, wie sich jetzt herausstellte.

Denn das Klischee der mit Geld um sich werfenden Russen, denen man alles andrehen kann, wenn es nur genug kostet, ist weitgehend überholt. Ebenso wie das Bild der dazugehörenden Oligarchin als überkandideltes Post-Sowjet-Weibchen, für die Marken wie Roberto Cavalli einst extra viel Bling über die Kleider kippten und denen Christian Louboutin höhere Killerabsätze als im Rest der Welt verpasste.

Diese Art Betaversion der Oligarchin stammt noch aus den Neunzigern und frühen Nullerjahren, in denen sie wegen vorheriger chronischer Unterversorgung in der Sowjetunion verständlicherweise unter starker Logo-Bulimie litt. Als erstes Luxuslabel überhaupt eröffnete 1994 Versace eine Boutique in Moskau. Was soll man machen? Man nimmt, was man kriegen kann. Schon bald gingen die neuen Reichen auch in der großen weiten Welt einkaufen. Jede Luxusboutique von Berlin bis London, die etwas auf sich hielt, engagierte eine russischsprachige Verkäuferin für die zahlungskräftige Klientel. “Die Russen kommen!”, wurde zum entzückten Jubelschrei eines jeden Filialleiters, wenn die bulligen Männer mit ihren in Pelz gehüllten Gazellenfrauen anrauschten und den halben Laden leer kauften. Zielstrebig griffen sie zu extra protzigen Entwürfen, weil sie zeigen wollten, wie reich sie waren. Dummerweise sahen sie damit am Ende irgendwie billig aus.

Das Klischee aus den Neunzigern ist längst überholt. Geschmack kann man lernen

Aber aus Fehlern lernt man ja bekanntlich, und auch die modische Anpassung an den Westen haben sie in Russland ähnlich turboartig umgesetzt wie die Privatisierung der staatlichen Rohstoffressourcen. Vorbei die Zeiten der Tom-Ford-für-Gucci-Komplettlooks, der sehr großen Sonnenbrillen und aufgespritzten Lippen. Längst gehören Oligarchinnen wie Elena Perminova selbst bei den internationalen Modenschauen zu den auffällig gut gekleideten Gästen. Perminova, ein ehemaliges Model, ist die Ehefrau des Ex-KGB-Spions und heutigen Independent-Besitzers Alexander Lebedev. Über Jahre erregte auch Ulyana Sergeenko, geschiedene Gattin eines Versicherungsmagnaten, Aufsehen, wenn sie zwischen den Shows ständig die Garderobe wechselte – von Givenchy über Louis Vuitton zu Chanel. Mittlerweile hat sie sich selbst zur Designerin gewandelt und kleidet mit ihrem Label Schauspielerinnen wie Emilia Clarke aus “Game of Thrones” ein.

Außerdem in der schon legendären “Russland-Fraktion” der Modewelt: die Stylistinnen Anya Ziourova und Miroslava Duma, die zeitweise zu den meistfotografierten Streetstyle-Stars gehörten, auch genannt “Czarinas”, weil sie oft mit typischen Insignien ihrer Heimat spielen – Kopftüchern, Ornamenten, Bommeln – diese aber modern und cool kombinieren. Duma, Tochter eines ehemaligen russischen Senators, beriet mit der von ihr gegründeten Plattform Buro 24/7 zahlreiche Luxusbrands. Die echten Oligarchen, vor allem die Frauen, haben mittlerweile nicht nur Geld, sondern auch Geschmack.

Das zumindest durfte an einem Russlandkenner wie Gudenus nicht vollkommen vorbeigegangen sein. Entsprechend wurde der Lockvogel für die Herren der FPÖ nicht nach dem alten Klischee, sondern dem aktuellen Frauenbild gecastet und ausstaffiert. Die Frau, die sich als Aljona Makarowa ausgibt, man ahnt das trotz Verpixelung, ist offensichtlich jung, eher unter 30 – schließlich soll sie als Nichte des 57-jährigen Öl-Milliardärs Igor Makarow durchgehen. Und als zeitgemäße Oligarchin trägt sie eben kein hautenges sexy Minikleid, sondern ein kurzes, gerüschtes Chiffonkleid mit Applikationen oder Muster und transparenten Ärmeln, womöglich ist das sogar ein braver Bubikragen, der da kurz im Bild ist. Dazu wenig Schmuck, nur eine Uhr aus Edelstahl und ein schwarzes Armband, sowie – darauf lassen zumindest die Geräusche auf dem Video und der Gang beim Hinuntersteigen der Stufen schließen – hohe Absätze.

Zumindest dieses Klischee, der in allen möglichen Lebenslagen High Heels tragenden Russin, sei durchaus noch aktuell, sagt die Soziologin Elisabeth Schimpfössl, Autorin des Buchs “Rich Russians. From Oligarchs to Bourgeoisie”, das vergangenes Jahr erschien. “Hohe Schuhe sind nach wie vor ein Muss”, sagt Schimpfössl, die für ihr Buch viele Gespräche mit reichen Russen führte, längere Zeit in Moskau lebte und heute in der Oligarchenhochburg London wohnt. Die Oligarchinnen hätten ihren Geschmack konsequent verfeinert, ihn quasi ihrer, meist reichlich vorhandenen kulturellen Bildung angepasst. “Nicht nur die reichen, sondern ganz generell legen die Russinnen im Vergleich zum Westen weiterhin deutlich mehr Wert auf klassische Weiblichkeit”, sagt Schimpfössl. Modelmaße, kurze Rocklängen, aber elegante Schnitte, lange, perfekt liegende Haare, professionelles Make-up. Laut einer Umfrage von Procter & Gamble trugen vor zehn Jahren 92 Prozent der russischen Frauen täglich Lippenstift.

“Reiche Russinnen sind nicht einfach nur schön – sie haben eine Schönheit, die über Jahre aufgebaut wurde”, sagt Schimpfössl. Muße und Zeit, die man sich leisten können muss, aber auch leisten können will. Der ehemalige Vogue-Editor-at-Large André Leon Talley beschrieb Melania Trump, First Lady mit slowenischen Wurzeln, einmal als “the most fastidiously groomed and exquisitely moisturized person”. Genau so stellt man sich eine Oligarchin heute vor: vorzüglich gecremt.

Einmal wurde Strache misstrauisch: Ihre Nägel waren dreckig. Völlig undenkbar

Auch die angebliche Nichte Makarowa trägt lange, schöne Haare, die sie anfänglich zum Pferdeschwanz gebunden hat. Sie ist sehr schlank, die nackten Beine haben einen leichten Teint, ohne wirklich gebräunt zu sein. Eine offensichtlich gepflegte, attraktive Frau. Oder wie es Heinz-Christian Strache im Laufe des Abends ausdrückt: “Bist du deppert, die ist schoaf.”

Ihren Imagewandel haben die (reichen) Russinnen neben einer schnellen Auffassungsgabe auch ein paar einflussreichen Vorreiterinnen zu verdanken. Etwa Alla Verber, Vizechefin des glamourösen Moskauer Departmentstores Tsum und der russischen Luxusgruppe Mercury, vor Jahren einmal besser bekannt als “die wichtigste Einkäuferin der Welt”. Nach Versace brachte sie in den Neunzigern auch all die anderen wichtigen Marken ins Land, öffnete das ehemalige Zarenreich wieder dem Luxus. Die damalige Chefin der russischen Vogue, Aliona Doletskaya, zeigte ihnen parallel, wie man ihn trug. Unter ihrer Regie war das Magazin zeitweise ziegelsteinschwer, mit mehr als 300 teuer bezahlten Anzeigen. Doletskaya galt als so erfolgreich und einflussreich, dass sie zeitweise sogar als Ablösung für Anna Wintour gehandelt wurde. Ganz so weit kam es bekanntlich nicht, 2010 räumte Doletskaya ihren Posten, aber aufgepasst hatten ihre Leserinnen bis dahin gut. Statt Cavalli kauften reiche Russinnen plötzlich 30 bis 35 Couture-Teile pro Saison, wie Karl Lagerfeld in einem Interview einmal ausplauderte. Da kam schon mal locker eine siebenstellige Summe zusammen – Euro, nicht Rubel versteht sich. Teures, aber gut angelegtes Lehrgeld, wie man rückblickend sagen könnte.

Und dann betrat Dasha Zhukova die Bühne. Die Tochter einer Molekularbiologin und eines reichen Geschäftsmannes, ausgebildet in Los Angeles und London, wurde 2006 die neue Frau an der Seite des Oligarchen Roman Abramowitsch. Die damals 25-Jährige trat einerseits “sehr russisch” auf – perfekt durchgepflegt -, war aber deutlich natürlicher geschminkt und moderner in ihrer Kleiderwahl. Die “it-Oligarchin” gründete zunächst erfolgreich ein eigenes Modelabel, Kova & T, entdeckte dann jedoch ihre Leidenschaft für Kunst. Anfänglich belächelt, ist ihre “Garage” mittlerweile die Moskauer Institution für zeitgenössische Kunst. Seit Zhukova posten wohlhabende junge “Mini-Garchs” neben der elterlichen Yacht genauso gern ihre neu erstandenen Sammlerstücke.

Das Magazin The New Yorker schrieb über Zhukova einmal, sie sei unglaublich schön, aber auch virtuos einsilbig. Ihr Gesichtsausdruck sei ungefähr so vielsagend wie ein leeres Flussbecken. Auch das sei im Grunde typisch russisch, sagt Schimpfössl. “Traditionell gilt in den besseren Kreisen: Stilvoll ist, wer wenig spricht. Eine Dame schnattert nicht.” Andere berühmte Russinnen wie das Model Natalia Vodianova, verheiratet mit dem LVMH-Spross Antoine Arnault, oder Irina Shayk, Freundin von Hollywoodbeau Bradley Cooper, treten ebenfalls eher zurückhaltend auf, was ihnen eine verlässlich mysteriöse Aura verleiht. Wahrscheinlich hat der Lockvogel auch diese Lektion ganz gut hinbekommen.

Die Villa hingegen ist nicht halb so gut ausstaffiert: Maybach vor der Tür hin oder her, aber die Lampen sind billig, die Kiefernholz-Vitrine und das Sofa, das die Runde vollqualmt, durchschnittliche Möbelhausqualität. Mietet so etwas eine Oligarchin an? Zumal auf Ibiza?

Und noch ein anderes Detail hatten die Drahtzieher offensichtlich nicht bedacht: In einem Moment wird Strache kurz misstrauisch, weil ihm auffällt, dass die angeblich megareiche Oligarchin dreckige Ränder an den Fußnägeln habe. Das passe nicht zu einer Frau dieser Liga, wundert sich Strache. Womöglich sein einzig kluger Gedanke an diesem Abend. Denn schöne, perfekt gepflegte Nägel seien geradezu “ein Fetisch” unter reichen Russen – bei Frauen wie bei Männern, sagt Schimpfössl.

Besser, er hätte sich gleich noch ihre Fingernägel genauer angeschaut. Die sind nämlich einmal kurz im Bild, als man die angebliche Nichte Makarow von hinten sieht, und liefern ein noch viel deutlicheres Indiz: lang sind sie, viel zu lang – womöglich sogar so falsch wie die Oligarchin selbst.

https://www.sueddeutsche.de/stil/politischer-stil-die-nagelprobe-1.4456031

 

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Elisabeth Schimpfössl

About Elisabeth Schimpfössl

My research focuses on elites, philanthropy and social inequality as well as questions around post-Socialist media and self-censorship. I did my PhD at the University of Manchester and taught at Liverpool University, Brunel and UCL before taking up my current post as Lecturer in Sociology and Policy at Aston University, Birmingham, UK. I live in London.