„Um sich zu legitimieren, muss man mehr tun als Geld ausgeben“

Die österreichische Elitenforscherin Elisabeth Schimpfössl untersucht die „Verbürgerlichung“ der russischen Oligarchen.

In Ihrem Buch beschreiben Sie den Wertewandel der russischen Oligarchen. Warum reicht Reichsein heute nicht mehr?

Elisabeth Schimpfössl: Erstmals ganz banal, weil sie – so wie wir alle – mit jedem Tag dem Tod näherkommen und inzwischen nicht mehr die Jüngsten sind. Da wird die Frage, was von einem überbleibt, immer mehr ein Thema. Gleichzeitig werden die Kinder erwachsen, und das Vermögen will erfolgreich vererbt werden. Dieser Vermögenstransfer, der den Reichen in Russland bevorsteht, ist in seiner Größe historisch beispiellos gemessen an der kleinen Anzahl von Leuten, die in den Prozess involviert sind. Dazu kommt, dass es keinen einzigen Oligarchen gibt, der selbst sein Vermögen geerbt hat; es gibt also keine Erfahrung mit Vermögensweiterreichung. Das flößt sogar den sonst so furchtlosen Oligarchen Ehrfurcht ein.

Andernfalls ist Verbürgerlichung natürlich nichts historisch Neues. Sogar jene, die sich im Raubkapitalismus bereicherten, ganz klassisch die Rockefellers, Carnegies und Mellons im späten 19. Jahrhundert in den USA, suchten sehr schnell nach mehr Sinn im Leben. Um sich zu legitimieren, muss man mehr tun als nur Geld ausgeben. Vor allem, wenn man seinen Status über Generationen halten will.

Welche längerfristigen Auswirkungen hat der Wertewandel? Werden die Oligarchen dadurch in der Bevölkerung beliebter?

Laut Meinungsumfragen sind sie unbeliebt wie eh und je. Die Vermögensakkumulation der Neunziger wird als durch und durch illegitim und unsauber angesehen. Dennoch können sich Individuen auf einer kleineren Ebene großen Respekt erarbeiten, besonders, indem sie wohltätig sind. Irina Prochorowa, Schwester des Oligarchen Michail Prochorow, der 2012 Putin als Präsidentschaftskandidat herausgefordert hat, ist seit Jahren politisch tätig und genießt Respekt – und das, obwohl sie in extrem neoliberaler Manier für die 60-Stunden-Woche eintritt. Ein Klassiker eines Oligarchen, der es höchst erfolgreich vom Räuberbaron zum Ehrenmann geschafft hat, ist Leonard Blavatnik: Obwohl sein Vermögen in dubiosen Ölgeschäften erstanden wurde, ist sein öffentliches Image nunmehr makellos. Der heutige Londoner ist inzwischen ein „Sir“, hat im Tate Modern einen neuen Flügel gebaut und nach sich benannt, und auch die Blavatnik School of Governance in Oxford trägt seinen Namen. Jeder möchte zu seinen Partys eingeladen werden, auch britisches Establishment.

In Russland werden die Oligarchen vom Kreml in die Pflicht genommen, ihr gesellschaftlicher Einfluss läuft in bestimmten Bahnen. Wie sehen sie Putin und Russlands Zukunft in der Zeit nach ihm?

Das habe ich nicht zu fragen gewagt. Manche haben sich zu Putin geäußert, aber nicht rasend viele. Die Zeit nach Putin wäre eine No-go-Frage gewesen. Die meisten von ihnen würden wohl auch nach einem Regierungswechsel einflussreich bleiben. Andererseits: Man sitzt auch auf gepackten Koffern. Ein Milliardär hat mir erklärt, er habe alles so arrangiert, dass er und seine Familie innerhalb von zwei Tagen ausreisen könnten und im Westen alles bereitsteht – samt Dienstpersonal, das eine warme Mahlzeit kocht.

Wie leben die Oligarchen im Ausland?

Wie gesagt: Viele bereiten ein „zweites Leben“ vor, auch London ist wieder im Kommen, wie neueste Immobilienkauftrends zeigen. Das heißt aber nicht, dass die Superreichen aus Russland weg wollen. Denn häufig sitzen sie dann in London herum und wissen wenig mit sich anzufangen. Vielen fällt es schwer, in die „bessere Gesellschaft“ im Westen hineinzukommen.

Sind reiche Russen skeptischer gegenüber dem Westen geworden?

Russland ist für seinen Überlegenheitskomplex bekannt: Viele glauben, dass die russische Zivilisation, die Kultur und Geschichte die Weltbeste sei. Reiche Russen schöpfen zudem Selbstvertrauen aus ihrem Reichtum. In Großbritannien, wo das Frontdenken des Kalten Krieges noch sehr verbreitet ist, treffen sie dann auf Leute, die das ganz und gar nicht anerkennen. Das verärgert viele. Das wiederholt sich in der großen Politik. Putins Abwendung vom Westen ist auch ein Beispiel dafür.

Superreiche haben alles. Träumen sie?

Wenn sie ihr Projekt haben, von dem sie wirklich begeistert sind, dann träumen sie davon, völlig darin aufgehen zu können. Boris Mints zum Beispiel sagte mir, man müsse als erfolgreicher Unternehmer fähig sein, das Operative abzugeben, entweder an gute Manager oder, wie in seinem Fall, an seine Kinder. Mints wollte im Kunstsammeln aufgehen. Vor zwei Jahren eröffnete er sein Museum russischer Impressionisten in Moskau. Heute allerdings sitzt er gemeinsam mit seinen Söhnen in London, nachdem er viel Geld und vermutlich auch sein Vertrauen, in Moskau sicher zu sein, verloren hat.

Steckbrief

Elisabeth Schimpfössl
(38) lehrt Soziologie und Politik an der Aston University in Birmingham (GB).
Die gebürtige Vorarlbergerin studierte in Wien und Manchester.

„Rich Russians.
From Oligarchs to Bourgeoisie“
beschäftigt sich mit der neuen russischen Elite und ist bei Oxford University Press erschienen.

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Elisabeth Schimpfössl

About Elisabeth Schimpfössl

My research focuses on elites, philanthropy and social inequality as well as questions around post-Socialist media and self-censorship. I did my PhD at the University of Manchester and taught at Liverpool University, Brunel and UCL before taking up my current post as Lecturer in Sociology and Policy at Aston University, Birmingham, UK. I live in London.